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    Fünf Minuten Weltgeschichte

    Als 1932 Dora Gerson mit einer Seemannsliedparodie bei Werner Fink in der Katakombe vorspielte, war das alberne Liedchen der Erfolg des Abends und der Texter und Komponist Curt Bry wurde sofort engagiert, um weitere Sketche und Chansons zu liefern. Nach ersten Ansätzen Mitte der Zwanziger war es sein zweiter Anlauf, im Kabarett Fuß zu fassen. Die Naziherrschaft zwang ihn ins Exil, über mehrere Stationen in Europa übersiedelte er 1939 in die USA, wo er bis zu seinem Tode 1974 lebte. Hatte er noch in Europa für die Katakombe und Exilgruppen Lieder geschrieben, ließ sich in Amerika diese Arbeit nicht fortsetzen. Dort lebte er nach schwierigem Start als Buchhalter, der nur noch privat Lieder textete und komponierte. Sein Name und seine Arbeiten sind daher heute kaum noch bekannt und in Fünf Minuten Weltgeschichte (Bear Family BCD 16069 AR; 28 Tracks, 77:59 Min, ausführliche Infos) lernt man einen Künstler kennen, dessen Chansons durch Einfallsreichtum und Leichtigkeit beeindrucken. Eine wirkliche Entdeckung!

    Ein Abend im Hamburger Polittbüro (Konkret Verlag; DVD, live, 28 Tracks, 1:50:30 Std.) ist ebenso unterhaltend wie anregend, vor allem, wenn so geistreiche und bissige Autoren wie Horst Tomayer, Thomas Ebermann, Rainer Trampert, Harry Rowohlt, Fanny Müller und Lisa Politt mitwirken. Anlässlich des dreißigsten Geburtstags der (neuen) Zeitschrift Konkret wurde feste gefeiert, gelesen und gesungen. Trefflich, aber sicher nicht allen zur Freude, wurden satirisch die nationalen Anwandlungen gerade in der Linken aufs Korn genommen.

    Der Schauspieler und Kabarettist (Pfeffermühle, Distel) Edgar Külow liest Koslowski (Neue Töne/Neues Deutschland; live, 15 Tracks, 78:44 Min.). Willi Koslowski lebt im Pott, genauer gesagt in Wattenscheid, ist in der SPD und in verschiedenen Vereinen und er hat Freunde bei der CDU, den Grünen und sogar ein alter Kommunist ist dabei. Die Koslowski-Geschichten folgen dem Motto: Jeder Tag, an dem du nicht auf die Regierung geschimpft hast, ist ein verlorener Tag. Diese Kumpels streiten und feiern sich kauzig durch den Alltag und die große Politik. Es geht um Freiheit und Kultur, um Schulaufsätze und chinesische Feuerwerke, aber auch um Geschichten aus den deutschen Beitrittsgebieten von 1990 (wo der Autor seit Jahrzehnten lebt). Brillant ausgedacht und vorgetragen, sind die nachdenklichen und amüsanten Texte von Edgar Külow ein kratziger west-östlicher Diwan.

    Viele Jahre jünger, aber ebenfalls aus dem Pott, wenngleich aus Gelsenkirchen, ist HG Butzko, und er ist Voll im Soll (WortArt 4177 / ISBN 3-86604-177-2; live, 21 Tracks, 78:05 Min., Infos). Er hat sich das Bekenntnisbuch einer gewissen Angela Merkel aus Ostdeutschland vorgeknöpft, das diese zusammen mit einem Redakteur der Bildzeitung (!) verfasst hat: Mein Weg. Was er dort an sprachlichen und logischen Stilblüten gefunden hat, lässt erahnen, welch abgründigen Weg dieses Land unter ihrer Regentschaft gehen wird: Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer. Maßloses Profitstreben und die Globalisierung im Verbund mit solch begnadeten Politikerinnen und Politikern werden für die Menschen noch manche Unbill bereithalten. Ein temporeiches Programm, wobei sich Butzko bei Themen wie der Staatsverschuldung oder den Transferleistungen in die neuen Länder auch für platte Gags nicht zu schade ist (Aufnahme in Würzburg).

    Aus und in Köln poltert sich der neue ständige Scheibenwischer-Professor Richard Rogler alias Camphausen durch die privaten und politischen Untiefen des Landes. Ein Ewiges Leben (WortArt 4176 / ISBN 3-86604-176-4; live, 18 Tracks, 78:44 Min., Infos) ist natürlich angesichts knapper Rentenkassen kein erstrebenswertes Ziel mehr. Ebenso wenig möchte man als SPD-Linker im Bundestag sitzen und leiden, wie sein Freund Günter. Da bringen einen auch die Besuche bei Freunden in einer ausgebauten Wassermühle von 1612 und selbstgekochte Gourmetgerichte nicht weiter. Wenn schon überall Krise ist, will man es sich persönlich doch ein bisschen schön machen und zumindest vornehm essen. Camphausen hat wieder alle Hände voll zu tun, er erklärt, ermuntert, tröstet und ärgert sich selbst immer wieder die Platze.

    Reich ins Heim (con anima CA 26559 / ISBN 3-931265-59-5; live, 19 Tracks, 78:21 Min., Infos) möchte gern Alt-Tornado Arnulf Rating. Auch er macht sich Sorgen um die Zukunft des Landes und besonders um den Berliner Bezirk Charlottenburg, weiß aber auch, wo man echte Hilfe erwarten kann: bei den Experten der Runde von Sabine Christiansen und dem Unternehmensberater Berger. Gegen so viel weisen Rat stänkern nur grüne Ex-68er, die in die Jahre gekommen sind und die mit ihrem Machtverlust hadern. Mit seinem fulminanten Rollen- und Figurenspiel persifliert er die Kakofonie der Lobbyisten, Demoskopen und anderer Experten.

    Wörter dreschen (WortArt 4268 / ISBN 3.86604-268-X; live, 28 Tracks, 76:47 Min., Infos) können die beiden westfälischen Bullemänner Augustin Upmann und Heinz Weißenberg im Bürgerzentrum (!) „Alter Schlachthof“ in Soest. Sie offenbaren uns den Münsterländer mit all seinen charmanten Eigenschaften: weltoffen, spritzig und von großer geistiger Beweglichkeit. Der Ferrari sollte am besten grün sein, mit Diesel fahren und eine Anhängerkupplung haben (nebenbei gesagt: es gibt tatsächlich Traktoren einer Fa. Ferrari, der Rezensent ist selber schon ein grünes Uraltmodell gefahren). Von Sprach- und Rechtschreibproblemen wissen die beiden zu erzählen, die im eigentümlichen Dialekt der Gegend begründet sind, oder wie Klingeltöne und Anrufbeantwortertexte nach Landessitte gestaltet werden. Ein Programm, über das selbst im Rheinland und darüber hinaus gelacht werden kann.

    Wenn Gerlis Zillgens und Bernd Gieseking ihre Hosen runter (WortArt 4172 / ISBN 3-86604-172-1; live, 11 Tracks, 74:04 Min., Infos) lassen, dann wird es erstens bitterernst und zweitens witzig. Nun ist das Geschlechterverhältnis nicht gerade ein neues Thema im Kabarett; ihre Direktheit und strenge Gnadenlosigkeit ist aber selten. Sie schildern mehrere Situationen, wie sie von beiden Seiten subjektiv ganz ehrlich, aber höchst unterschiedlich erlebt und empfunden werden. Das ist gar nicht so boshaft und klischeehaft, wie man das aus manchen Kabarettnummern kennt, sondern zeigt nur, dass Frau und Mann, eben jeder Mensch (gedanklich) in seiner eigenen Welt lebt. Da gehen schon einmal zwei scharf aufeinander zu und eben doch haarscharf an einander vorbei. So kommt dann der Quickie, den beide so sehr wollen, doch nicht zustande, weil jeder denkt, dass der andere vielleicht … Und das ist sehr komisch!

    Diesem Vaterland nicht meine Knochen (Eulenspiegel Ohreule / ISBN 3-359-01087-6; 38 Tracks, 67.23 Min.) dichtete der brillante, 2003 verstorbene Peter Hacks, und der jüngst verstorbene Schauspieler Eberhard Esche bringt sie kongenial zu Gehör. Kleine Gedichte voller satirischen Scharfsinns, versehen mit einer Prise Spott und Arroganz, meisterlich gesetzt, so verarbeitete der große Dichter kritisch die Nachwendezeit: „Ich möchte gern ein Holperstein in einer Pflasterstraße sein, ich stell mir vor, ich läge dort Jahrhunderte am selben Ort und einer von den Kunst-Eunuchen aus Medien und Kritik, käm’ beispielsweise Hacks besuchen und bräch’ sich das Genick.“ (Tagtraum).

    Lene Voigt, jener fast vergessenen sächsischen Mundartdichterin, verdanken die Sachsen viele großartige, unvergessene Parodien großer Balladen (De Bärchschaft, De Glogge, Dr Erlgeenich, Dr Zauwerlährling), sowie eigene Gedichte. Zwei Aufnahmen laden ein zum Genuss dieser sehr speziellen Kost, die auch in anderen Landesteilen verdaulich und erbaulich ist. De säk’sche Lorelei (Verl. U. Unterlauf 2806-3 / ISBN 3.93-4384-30-7; 14 Tracks, 45.37 Min., Infos), gelesen von der Schauspielerin Petra Hinze, konzentriert sich eher auf die Balladen und unterlegt den Vortrag mit Musik aus dem Freischütz von Weber. In einer Liveaufnahme bringt die Kabarettistin Oechelhaeuser alias Lene Voigt (Neue Töne/Neues Deutschland; live, 19 Tracks, 49:06 Min.) eher Werke zu Gehör, die sich mit den Eigenheiten ihrer Leipziger/sächsischen Landsleute beschäftigen. Beide Damen machen ihre Sache gut und sind unbedingt zu empfehlen.

    Irgendwo auf der Welt (Universal 9877538; 17 Tracks, 54:03 Min., Texte) hat Nina Hagen ihre (alte) Liebe zu alten Swingtiteln und Filmschlagern der dreißiger und vierziger Jahre entdeckt (oder war es nur der Wunsch nach einer Scheibe, die auch mal wieder breitere Verkaufsmöglichkeiten bietet?). Gerade diesen Titelsong nutzt Frau Hagen, um in Interviews eine Lanze für die ach so verkannte Zarah Leander zu brechen, die den Texter und den Komponisten dieses Liedes angeblich vor der Deportation durch die Nazis bewahrt habe. Leider alles Unsinn und keiner im Label korrigiert dies. Das Lied, das Nina Hagen auch nach Leander-Art singt, ist in Wirklichkeit von Lilian Harvey (1932 und völlig anderer Stil) und Texter Gilbert und Komponist Heymann waren zum Glück längst außer Landes, bevor Zarah Leander Deutschland überhaupt betreten hatte. Solche Recherchefehler stimmen verdrießlich und die Glaubwürdigkeit der so engagierten Sängerin leidet erheblich. Zum Werk selbst: Selbstredend beherrscht Frau Hagen ihr stimmliches Handwerk, sie zeigt auch die Bandbreite ihrer Stimmübungen – aber sie interpretiert nicht wirklich (und schon gar nicht neu oder originell), aber genau darauf kommt es bei Chansons wesentlich an. Von Judy Garland bis Hildegard Knef, von Leander bis Serrano, von den Andrews Sisters bis Ella Fitzgerald reicht die Spannbreite, die beide Heimatmärkte der Hagen (USA, D) abdeckt. Die Fotos im Booklet zeigen sie nur in künstlichen Posen, eben alles nicht echt, ihr Capital Dance Orchestra spielt echt gut, der neue Typ CD-Hülle ist echt sehr gut.

    Jacques Brel, dieser Gott aus dem Chansonhimmel, ist in Deutschland nicht halb so bekannt und populär, wie er es verdient hätte. Einer, der ihn Mitte der Siebziger ganz früh und ganz eigenwillig im deutschen Sprachraum popularisiert hat, war Michael Heltau. Seine Interpretationen in wienerischer Diktion sind jetzt unter dem Titel Best of Brel (Preiser Records PR 90681 / ISBN 3-7085-0124-1; 21 Tracks, 78:48 Min., Infos) endlich als CD erhältlich. Die Übersetzungen bzw. Nachdichtungen stammen überwiegend von Werner Schneyder und Loeck Huisman. Heltau erreicht dank seiner kraftvollen wienerischen Einfärbung jene Direktheit und Authentizität, die Brel-Lieder ausmachen. Eine überaus gelungene Übertragung der französischen Lieder.

    Superstars singen Brel (Koch Universal 060249838375; 13 Tracks, 48:49 Min., Texte) lautet der etwas großsprecherische Titel zum gleichen Thema. Eine sehr gemischte Scheibe. Die wunderbare Gisela May, Heltau (s. o.) oder Juliette Greco und auch Maria Bill und Klaus Hoffmann sind mit sehr überzeugenden Liedern vertreten. Der Opernsänger Gunther Emmerlich kann selbstredend gut singen, aber er ist kein Chansoninterpret. Saft- und kraftlos ist er mit 2 Liedern vertreten. (Wer Chansons singen will, sollte zuvor gezwungen werden, Kästners „Ankündigung einer Chansonette“ auswendig zu lernen.) Sehr eigenwillig und interessant ist dagegen die zurückhaltende, jazzige Version von Evelyn Fischer („Wenn Du von mir gehst“) und Xavier Naidoo überzeugt mit seiner Interpretation von „Amsterdam“. Wiewohl man die Textversion von W. Schneyder schon von vielen (guten) Interpreten und Interpretinnen kennt, gelingt es ihm, einen neuen, geheimnisvollen und spannenden Ton in dieses Lied zu bringen. Gute Zeiten also für Brel-Freunde!

    Das fabelhafte Leben der Josephine Baker (duo-phon 07103 / ISBN 3-937127-09-7; e CDs, ca. 3:50 Std., ausführliche Infos im Booklet) wird, anlässlich ihres 100sten Geburtstags dieses Jahr, eindrucksvoll in einer Hörcollage von Peter Eckhart Reichel vorgestellt. Sie war eine ganz eigenwillige und bemerkenswerte Künstlerin, die – aus ärmsten Verhältnissen in St. Louis kommend – es zu Weltruhm brachte. Sie erlebte in frühester Jugend die Gräuel rassistischer Vorurteile, eine Erfahrung, die sie ihr Leben lang prägte. 1925 kam sie mit einer „Revue Negre“ nach Paris, wo ihre Weltkarriere mit Charleston, amerikanischem Jazz und Nacktheit begann. Ihr bewegtes Leben kannte viele private und künstlerische Höhen und Tiefen. Weniger bekannt ist ihr erstaunliches politisches Engagement: von einer Agententätigkeit für den französischen Geheimdienst gegen die Nazis bis zur Unterstützung der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King und der Gründung einer Regenbogenfamilie, mit 12 adoptierten Kindern unterschiedlichster Hautfarbe und Ethnien. Eine wahrhaft erstaunliche Biografie einer Künstlerin, die mit ihrer Unbefangenheit, Fröhlichkeit und auch Entschlossenheit die Menschen begeistert hat. Das umfangreiche Hörbuch über Bakers Leben ist anregend bis zur letzten Minute, viele Musikbeiträge machen die Produktion auch zum künstlerischen Genuss.

    Wer den Film „Cabaret“ noch im Kopf hat, kann sich vielleicht noch an die Stelle erinnern, in der vom Grammofon das Lied „Heiraten“ erklang. Dieses Lied hat Greta Keller gesungen. Sie war als Interpretin über Jahrzehnte präsent, anfangs in Deutschland und später in Amerika, hat das deutsche Chanson entscheidend geprägt und ist dennoch nicht annähernd so populär wie andere aus dieser Zeit, z. B. Marlene Dietrich. Mit dieser ist sie 1927 in einer Revue aufgetreten und hat mit ihrem untergekühlten, dunklen Timbre zwischen gesungen, gesprochen und gehaucht den Stil der Dietrich beeinflusst. Früh fing sie an, auch in Englisch zu singen, was ihr später in den USA sehr zugute kam. Sie singt leicht melancholisch eingefärbt vor allem Liebeslieder, immer wieder gerne auch Lieder aus Wien, wo sie 1903 geboren wurde. Viele Hundert Einspielungen sind von ihr vorhanden, die Aufnahmen der vorliegenden CD Mein Herz hab ich gefragt, da hat es „ja“ gesagt … (Bear Family BCD 16037AR / ISBN 3-89795-933-X; 25 Tracks, 78:45 Min., ausführliche Infos im Booklet) sind aus dem Nachlass (um 1930 von Ultraphon in Deutschland, 1940 und einige nach 1945 in den USA, also recht verschiedenen Perioden) und waren bisher unveröffentlicht.

    Maegie Koreen hat vor weit über dreißig Jahren ihre Liebe zum Chanson entdeckt, sich bei Barbara vieles abgehört, bei Hana Hegerova gelernt und seither den großen Damen des Chansons und dem klassischen Chanson überhaupt ihre Referenz erwiesen. Da wackelt die Wand (Chanson Cafe CWB 1598; 16 Tracks, 50:16 Min., Infos) heißt ihre Hommage an Claire Waldoff. Das trifft sich aufs Beste, weil die Waldoff aus Gelsenkirchen stammt und in Berlin berühmt wurde und Frau Koreen einst in Berlin und heute in Gelsenkirchen agiert. Ein schönes Programm, nicht ganz so deftig wie die Originale, voller Lieder, die auch heute noch wegen ihrer Lebensnähe zu Recht beim Publikum erfolgreich sind.

    Ein anderer genialer und eigenwilliger Dichter der 20er-Jahre war Joachim Ringelnatz. Durch den Schauspieler Norbert Gescher, den Sohn von Muschelkalk (Ringelnatz oft bedichteter Frau) aus zweiter Ehe, lernte die Koreen seine Gedichte kennen und schrieb Melodien noch ganz unter dem Einfluss ihrer beiden großen Vorbilder (s. o.). Viele Jahre später fand sie im Archiv Vertonungen anderer Komponisten und hat diese höchst unterschiedlichen Lieder zusammengebracht: Maegie Koreen singt Ringelnatz (Chanson Cafe CWB 1698; 20 Tracks, 48:08 Min.). Liebevolle und adäquate Lieder, die dieser sensiblen Lyrik einen angemessenen Ton verleihen.

    Sebastian Krämers Schule der Leidenschaft (Roof Music RD 2633266; 19 Tracks, 55:32 Min.) zeugt vom großen Schaffenseifer, dessen sich der Sänger zurzeit befleißigt. Er ist ein eifriger und gnadenloser Reimer mit einer Freude am skurrilen Humor. Man hat den Eindruck, ihm fällt zuerst der Reim ein und den schiebt er dann zu einem Sinn oder auch Unsinn zusammen. Das Ganze trägt er dann gekonnt zum Klavier vor und es ist mal spannender, mal ergreifender oder auch keins von beiden. Ob er wohl gelegentlich streicht und kürzt, was ihm so einfällt? Doch weil dieser Mensch viel Talent hat, kommen da jede Menge Lieder zusammen, die gut sind und einem auch über den einmaligen Gebrauch etwas geben. „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“, wusste schon Goethe im Faust.

    Wenn sich dann noch zwei gleichen Geistes zusammentun und ergänzen und antreiben, so wie Sebastian Krämer und Marco Tschirpke, dann entsteht ein sehr spezieller und kreativer Austausch und Wettbewerb: Ich ’n Lied und du ’n Lied (Reptiphon / DA-Music; 29 Tracks, 45:35 Min.). Da dichten und singen zwei um die Wette, dass es eine Freude ist. Die Lieder werden die Jahrhundertwende wohl kaum erleben, aber im Augenblick sprühen sie wie ein Feuerwerk. Skurril, schräg und eigentümlich, was den beiden so einfällt. Virtuos schieben sie ihre Liedchen übers Klavier, Bäckerlieder wechseln sich ab mit Liedern über Steuerberater, Seeräuber, unaufgeräumte Kinderzimmer, Händewaschen und (in sich) gekehrte Höfe. Ein kurzes Beispiel: „Was haben die Wolke und der Tee gemeinsam? Sie ziehen, gemeinsam an keinem Strang!“ Ein doppelter Kalauer, so muss man sich das Ganze vorstellen. Zwei herrliche Spinner beim Kreativspiel, viel Vergnügen!

    Dieter Huthmacher ist ein Urgestein der Liedermacherszene, schon seit 1970 tritt der Schüler von Gisela May mit eigenen Bühnenprogrammen auf. Darüber hinaus arbeitet er als Karikaturist und bildender Künstler. Mit seinem schwäbischen Programm Guck (Merkton MER 890340 / Rough Trade; 12 Tracks, 43:12 Min., Texte) nimmt er die Gesellschaft und seine braven, fleißigen und behäbigen Landsleute dialektisch ins Visier.

     

    2006-09-15 | Nr. 52 |





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