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  • Szenen Regionen :: Berlin

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    Wüst und pfiffig: unser FIL

    Ein bisschen zögerlich, die Gitarre in seinen Armen hin und her schiebend, mit Brille und Hütchen betritt er die Sommerbühne der ufa-Fabrik Berlin: FIL - Comic-Zeichner, Komödiant, Entertainer und „politischer“ Liedermacher – wie er sich manchmal selbst bezeichnet - und seit kurzem auch Buchautor: in »Pullern im Stehn“ beschreibt er seine Jugend im Berliner Hochhausviertel Märkisches Viertel.

    Müde und uninspiriert?

    Bisschen müde sei er heute Abend erzählt er seinem Publikum. Er komme gerade von der Ostsee, sei jetzt ziemlich uninspiriert, aber die Hippies von der ufa-Fabrik hätten ihn nun mal wieder eingeladen. Also…

    Erstmal zu den Berlinern. Die seien eben anders, sagt FIL, pfiffiger als Andere, würden nicht so überschwänglich lachen wie die Rheinländer beispielsweise, schlichtweg weil man hier nicht so viel Zeit dafür habe. In einem Lied über eine Frau, mit der er nur mal im Notfall Sex hat, streift er gleichzeitig eins der Probleme, die Berliner tagtäglich beschäftigen: In „Ersatzverkehr ist doch auch Verkehr“ führt er geschickt beide Themen zusammen.

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    Du! bist kein Berliner

    Beim nächsten Song dann rockt sich FIL ohne Hut und Brille und mit einem ziemlich dämlichen, angsteinflößenden Gesichtsausdruck durch „Du! bist kein Berliner“. Nicht nur an Schwaben gerichtet sei das Lied. Wie er da so steht und von einer Stadt nur „mit Atzen und Keulen“ singt, muss man gleich an die aktuellen Flüchtlingsströme denken.

    Labertasche

    Lange Rede - (manchmal) sehr viel Sinn. FIL ist ein Blödeltalent, eine Quasselstrippe vor dem Herren, einer, der quatscht und quatscht und nicht zu Potte kommt, der seine Sätze beginnt, sie nicht zu Ende führt oder erst Lichtjahre später, der hin und her springt. Der ein Lied anfängt, dann plötzlich sagt, nee, ich spiel’s doch nicht, dann doch wieder, klingt alles ein bisschen improvisiert und nicht ausgereift, die Reime schütteln sich vor lauter Albernheit und plötzlich merkt man: jetzt steuert der doch auf irgendwas zu, auf eine ganz dolle, krasse, manchmal richtig ordinäre Pointe. FIL war mal Punk und man sieht es ihm an, wie gut es ihm tut, mal was richtig Grobes, Schmutziges rauszulassen. Punkiger Humor, der sich den Erwartungen verweigert. Obwohl: das Publikum, das FILs Karriere seit vielen Jahren verfolgt, erwartet ja genau das von ihm.

    FIL und die Frage der Technik

    Mit der Technik habe er es ja nicht so, erzählt er. Internet und Smartphones – „die flachen Verführer“? FIL ist mittlerweile fast 50 und wendet sich gern in seiner ganzen Weisheit an die jüngere Generation. Die ja permanent auf die Handys starre. Wie sollen die, fragt er sich, deren eine Hand ja fast mit dem Handy verwachsen ist, ihm später zweihändig den Po wischen?

    FIL und die Frauen

    Nach der Pause erzählt er uns, worüber er hinter dem Vorhang so nachgedacht habe. Er habe die Pause nämlich nicht in einer schnieken Garderobe verbracht, sondern die ganze Zeit hinter dem Vorhang gestanden und sich Gedanken gemacht über den Tod. Er habe mit imaginären Lesben in seinem Kopf gesprochen und denen gesagt, dass er auf keinen Fall auf diesem Lesben-Friedhof begraben werden wolle, den es neu in Berlin gibt. Selbst wenn er dürfte. Er darf ja sowieso nicht, haben die Lesben in seinem Kopf gesagt. Mit einem englischen Lied, das in etwa den Titel trägt „Ich will nicht auf dem Lesben-Friedhof begraben sein“ bringt er dann seine ganze Verweigerung auch nochmal musikalisch zum Ausdruck. Albern und sinnlos? Nein, unser FILosoph beschäftigt sich eben mit den Fragen des Lebens. 

    Es ist es verwunderlich, dass dieser pfiffige Kerl immer noch Single ist – wie er vorgibt. Das müsse man wollen, sagt er - sich auf den Singlemarkt begeben und dass kalter Krieg herrsche zwischen Pärchen und Singles. Pärchen – davon habe er genug in seinem Bekanntenkreis. Das sei ein komplett neurotisches System.

    Godzilla gegen Schiller

    Nach dem Hip-Hop-Musical und Genre-Mix „Schiller gegen Godzilla“ , in dem er beide „Typen“ eindrucksvoll spielt und sprachschöpferisch aufs Ganze geht, hören wir dann mal ganz neue Töne. Ein Lied über einen Clown, der allein hinter dem Vorhang zurück bleibt – aha… - , traurig, denn „auch ein Clown braucht Frau’n“. Das hört sich an wie Reinhard Mey. Fast poetisch, dann wird es wieder gnadenlos albern. Zum Schluss bittet FIL die Frauen, die gern mit ihm schlafen würden, einfach sitzen zu bleiben. Die sanitären Anlagen in der Ufa-Fabrik seien wider Erwarten sehr gut, das würde alles tiptop funktionieren, kein Grund zur Sorge also wegen der hygienischen Bedingungen. 

    Altersweiser FILosoph

    Die Verschiedenheit der Dinge, so hieß sein Programm und im Ankündigungstext versprach man uns: „Die Zeit ist reif für einen Leitfaden des Lebens. Was läge da näher als sich der beeindruckenden Altersweisheit von FIL vertrauensvoll hinzugeben. In seinem neuen Programm nimmt uns der FILosoph an die Hand.“  Wo wir dann Hand in Hand mit FIL enden: in einer vergnügten Leere, in der wir jetzt auch nicht mehr wissen, aber auf jeden Fall sehr gut gelaunt sind.


    Nächster Termin
    FIL in Berlin:  7.10.2015 : Heimathafen Neukölln


    Redaktion:
    Katrin Schielke



    Fil Foto: Daniel Posdorf

    2015-10-01 | Nr. 88 | Weitere Artikel von: Katrin Schielke





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